Leiden ist gut

Leiden ist gut

Im Frühling letzten Jahres hatte ich eine kleine Pechaktion mit meinem Rennrad und musste es schweren Herzens verkaufen. Also musste für eine gewisse Zeit ein anderer Sport her. Ein bisschen Muskelaufbau kann nicht schaden, dachte ich mir. Soweit so gut.

 

Die Symptome kamen schleichend

Erst fing es an mit vermehrter Müdigkeit, Schlappheit, schwacher Periode, geschwächtem Immunsystem, starker Grippe und endete mit dem sogenannten „Extremen Hunger“. Ich wunderte mich weshalb ich plötzlich scheinbar nicht mehr satt wurde. Ich hab gegessen wie ein Scheunendrescher und hatte immer noch Hunger. Der Magen voll und der Kopf leer. In dieser Zeit hatte ich privat ziemlich viel um die Ohren. Ich war sehr „getrieben“. War das Training vielleicht das i-Tüpfelchen zu der Zeit?

 

Was ist „Extreme Hunger?“

Wenn der Körper über einen gewissen Zeitraum zu wenig Energie bekommt durch Diäten, zu viel Sport, Fastenkuren, Magersucht oder mal eben einen Tag zu wenig gegessen, weil Stress etc., dann kommt er irgendwann mit dem Phänomen „Extremen Hunger“ in Berührung. Man muss noch nicht mal bewusst zu wenig essen. Kennst du bestimmt, wenn man mal einen Tag aus, welchen Gründen auch immer, zu wenig gegessen hat. Am nächsten oder Tage später holt man das Essen nach.

Der „Extreme Hunger“ ist ein ganz natürlicher und vor allem notwendiger Mechanismus bei dem Körper sicherstellt, dass er nach einer gewissen Hungerperiode wieder genug bekommt. Er ist so lange unersättlich hungrig bis alle notwendigen Speicher im Körper aufgeladen sind. Diese Phase kann von einem Tag bis zu mehreren Monaten andauern. Vor allem bei länger anhaltenden Zeiträumen ist eine Zunahme sehr wahrscheinlich, jedoch auch notwendig. Wenn der Körper wieder die Zügel hat, gehen die überschüssigen Kilos wieder runter und das Gewicht pendelt sich auf ein gesundes Niveau ein. Denke nicht, falls du dich in einer ähnlichen Situation befindest man könne den Hunger übergehen. Desto mehr du das versuchst zu tun, desto länger zieht sich die Heilungsphase. In dieser Phase ist der Körper physisch voll nach dem Essen, aber die Sättigungssignale des Magens kommen nicht im Gehirn an. Mann ist physisch vollgefressen voll, aber im Kopf noch hungrig.

Ich habe über die Monate mehr verbrannt als ich zu mir genommen habe ohne es zu merken. Warum? Intuitiv essen ist eine tolle Sache, aber durch das Krafttraining habe ich meinem Körper einer neuen Belastung ausgesetzt (parallel zur stressigen Zeit) und hätte kontinuierlich mehr essen müssen, es jedoch nicht regelmäßig getan.

Na super, dachte ich mir. Da bin ich nun schon so lange dabei mit der High Carb Ernährung und jetzt so was. Gefühlte 100 Schritte wieder zurückgefallen. Ich kann dir sagen, der „Extreme Hunger“ war auch eine extrem schwere Zeit für mich. Das mehr Essen war nicht das Problem, sondern die Bauchschmerzen die ich danach hatte und vor allem das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben.

Ich habe zu dieser Zeit sehr unruhig und schlecht geschlafen, weil mein Bauch kurz vorm platzen war durch das ständige verdauen in der Nacht. Hab ich in dieser Zeit zugenommen? Mit Sicherheit. Viele Tränen und schlaflose Nächte hat es gegeben. Ich hab mich so unter Druck gesetzt gefühlt, weil ich über Ernährung und Selbstliebe schreibe und der Meinung war meine Leser erwarten bei mir laufe alles glatt. Aber so ist es nicht, das kann ich dir sagen. Ich hab aus dieser Situation gelernt.

Wie konnte ich erwarten, dass nach zwei Jahren High Carb Ernährung mein Hunger/-Sättigungsgefühl perfekt funktioniert, wenn ich es 15 Jahre unterdrückt habe. Es braucht seine Zeit und jeder Körper braucht unterschiedlich viel Zeit.

Ich bin dankbar für diese ekelhafte Zeit, die ich mit diesem „Extremen Hunger“ hatte. Ich hätte niemals gedacht, dass mich so etwas noch erwischen kann wo ich mich doch jetzt immer satt esse, aber es ist passiert.

 

Was habe ich aus dieser Zeit gelernt?

1) NIEMALS Kalorien reduzieren bzw. zählen. Das habe ich zwar nicht bewusst gemacht, aber diese Phase zeigt mir nur nochmals, dass auf Dauer eine Restriktion (sei es durch Sport, Stress, etc. beeinflusst) nach hinten losgeht. Grad in diesen Situationen achte ich für meinen Teil nun besonders darauf ohne ein Hungergefühl zu essen. Das mag zwar gegen das Intuitive Essen gehen, aber ich fahre damit in Stress-Situationen besser.

2) Wenn man Krafttraining macht, neigt man schnell dazu mit den körperlichen Erfolgen anderer zu vergleichen. Der Erfolg, nicht wie bei anderen Sportarten, zeigt sich nämlich im eigenen Körper. Das Buch von Francis Chan „Crazy Love“ hat mich wieder auf den richtigen Pfad gelenkt und all meine täglichen Aktivitäten hinterfragen lassen. Warum mach ich dieses und jenes? Warum mache ich Krafttraining? Von anfangs „ich brauch eine vorübergehende Alternative fürs Rennradfahren zum Ausgleich“ wurde „ich will besser aussehen“. Es hat mich getriggert, dass so gut wie jeder zweite in meinem Fitnessstudio top aussieht und auf Instragram mir immer wieder die geilen Körper unter die Nase gerieben werden. Ich fühlte mich vergleichsweise wie ein wabbeliger Pudding. Es tauchten plötzlich wieder selbstverachtende Worte meinem Körper gegenüber auf. Oh ha, dabei predigte ich doch immer selber von Selbstliebe. Sie lauern überall, die Triggerpunkte im Alltag. Bei jedem ist es etwas anderes. Nach 15 Jahren Diätkarriere bin ich anfällig dafür meinen Körper ganz schnell zu verachten. Ich predige Selbstliebe und kann dir versichern, Selbstliebe ist nicht etwas, dass man einmal gelernt hat und es dann da ist. Man kommt nicht einfach so dahin. Es ist jahrelange Übung. Man bleibt nur so lange gut darin, wenn man diese Übung lebenslang beibehält. Man muss immer dafür kämpfen in einer westlichen Welt wo Aussehen und Erfolg so wichtig zu sein scheinen wie nichts anderes. Der Fokus für das Wesentliche wird schnell geraubt, wenn man mit dem Strom mitschwimmt. Selbstliebe ist eine Entscheidung, die du jeden Tag neu treffen musst.

3) Als ich das Buch „Crazy Love“ las wurde mir klar: Selbstliebe schön und gut, aber andere zu lieben ist noch viel wichtiger. Mein Tag drehte sich seit dem Krafttraining nur noch um mich und um meinen „ich hab viel um die Ohren“ Alltag. Anstatt sich ständig um seine eigene Probleme zu kümmern, lösen sich tausende Probleme in Luft auf, wenn man diese ichbezogene Zeit für andere investiert.
Wir sind nicht hier auf dieser Erde um wunderschön auszusehen oder einen Job zu haben, der Spaß macht und viel Geld bringt.

Was tust du grad in deinem Alltag? Tust du es für dein Ego oder um anderen zu gefallen? Für so viele egoistischen Dinge unseres Alltags legen wir eine extreme Disziplin an den Tag, aber wenn es darum geht anderen Menschen zu dienen, wo ist da plötzlich die Disziplin geblieben? Setze deine Disziplin weise ein.

 

Ist Sport nun schlecht?

Sport ist immer noch ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, aber ich erinnere mich immer wieder daran, dass es absolut keine Rolle spielt, ob es meinen Körper „schöner“ macht oder nicht. Ich habe mein Krafttraining auf zweimal die Woche beschränkt. Trainiere seit dem wieder mit großer Freude und einem klaren und vor allem reinen Geist. Mein neues Rennrad ist endlich da und ich kann die Fahrten nutzen, um in der Natur Gottes Stimme zu hören und nicht meine. Mein Fokus ist wieder da wo er hingehört.

 

Leiden ist gut

Gott hat diese Situation genutzt, um mein Herz zu berühren. Ich habe ihn nicht mehr gehört, weil ich nur noch mich gehört habe.

 

Falsche Motive

Mich wundert es nicht, warum so viele trotz nahezu tadelloser Ernährung und einem festen Sportregime nicht abnehmen. Oder warum man gewisse Dinge im Leben nicht erreicht. Aussehen, Erfolg, Geld, Macht, Ansehen usw. schwimmen alle im selben Topf. Die Motive stimmen nicht.

Warum will man viel Geld haben? Warum will man toll aussehen? Warum will man einen Job haben, der Spaß macht? Warum will ich am liebsten den ganzen Tag nur Fahrradfahren und Serien gucken? ICH!

Mit meinen Erfahrungen will ich dir helfen eine gesunde Einstellung dir selbst gegenüber zu haben, dich zu lieben und anzunehmen so wie du bist. Aber bei all dem dürfen wir nicht den Fokus verlieren worauf es wirklich im Leben ankommt.

Vergiss nicht, wir sind nicht auf dieser Erde, um schön auszusehen oder um uns selber zu dienen. Welche Spuren willst du auf der Erde hinterlassen? Schönes Aussehen und viel Geld?

 

„Darum sage ich euch: Macht euch keine Sorgen um euren Lebensunterhalt, um Essen, Trinken und Kleidung. Leben bedeutet mehr als Essen und Trinken. Und der Mensch ist wichtiger als seine Kleidung. Seht euch die Vögel an! Sie säen nichts. Sie ernten nichts und sammeln auch keine Vorräte. Euer Vater im Himmel versorgt sie. Meint ihr nicht, dass ihr ihm viel wichtiger seid? Und wenn ihr euch noch so viel sorgt, könnt ihr doch eurer Leben um keinen Augenblick verlängern.“ (Matthäus 6, 25-27)

 

Kommentare (8)

  1. Aber wie kann man dann gesund abnehmen, wenn man immer den Kalorienverbrauch durch Nahrung ausgleichen soll bzw durch den extremen Hunger die Kalorien Überschuss hat, die man vorher eingespart hat?

    • gesund abenhmen kann man indem man ganze, unverarbetiete pflanzliche Lebensmittel isst und sich zusätzlich beweget:) Mehr Infos dazu habe ich unter der Rubrik „Ernährungstipps“. Man nimmt auch schon bei einem winzigen Defizit ab. Das heißt dann nicht, dass man danach automatisch in den „Extremen Hunger“ Modus verfällt. Das passiert nur, wenn das Defizit zu groß war für den Körper. Das ist bei jedem anders. In dem Artikel, den ich verlinkt habe wird genau erklärt wie Extreme Hunger entsteht.
      Deswegen halten die wenigsten ihr abgenommenes Gewicht, weil das Kaloriendefizit meistens zu groß war und dann der extreme Hunger kommt.

  2. Mal wieder toll geschrieben. Das mit dem extremen Hunger kenne ich leider selber auch und es ist wirklich frustrierend!Aber es ist schon wahr mit der falschen Motivation, dass muss ich mir selber auch immer wieder vorhalten. Und der Körper werden wir ja eh nicht mitnehmen können und Jesus liebt uns sowieso so wie wir sind, da kommt aus auf den perfekten Körper nicht an!
    Liebe Grüsse,
    Krisi

    • Danke Krisi 🙂
      Ich glaube viele machen das durch und man denkt dann man hätte keine Disziplin etc. Was natürlich überhaupt nicht der Fall ist.
      Genau so ist es wie du sagst 😉
      Übrigens ganz toller Foodblog, den du da hast. Du hast es echt drauf mit dem Kochen.
      Abolut lohnenswert mal dort vorbei zuschauen. Wer das list -> http://excusemebutitsmylife.blogspot.de/

  3. Hey meine Liebe,

    ein wahnsinnig guter Artikel. Ich mag deine Ansichten und deine Schreibweise. Vor allem da ich mich selbst auch schon seit Jahren mit diesen Themen beschäftige und du nochmal eine neue Perspektive auf das ganze wirfst. Das mit dem extremen Hunger hast du sehr gut beschrieben und du hast absolut Recht, der extreme Hunger ist super anstrengend, gibt einem oft kein gutes Gefühl und noch dazu plagt hinterher gerne mal das schlechte Gewissen. Wahnsinnig verrückt das ganze. Interessant finde ich den Aspekt mit Selbstliebe und andere lieben. Ich werde mir deinen Buchtipp gleich mal ansehen. (ah ich bin so froh auf deinen Blog gestoßen zu sein!)
    Liebe Grüße
    Kristina Paulina

    • Hi Kristina Paulina,
      vielen Dank 🙂
      Das stimmt, verrückt das Ganze, aaaaber es geht auch wieder vorbei.
      Das Buch ist wirklich super. Das gibt es auch auf Deutsch, heißt jedoch anders.
      Viel Spaß beim lesen!
      Liebe Grüße
      Ju

  4. Liebe Ju , könntest du mir verraten, wie das Buch auf deutsch heißt ? Ich finde es einfach nicht …. Danke 🙂

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