The Walking Dead und die Nächstenliebe

Was hat Nächstenliebe mit Konsum zu tun?

„Es ist wie ein Raum voller Menschen, die so an ihre eigenen Flatulenzen gewöhnt sind, dass sie den Gestank nicht mehr bemerken.“ (Sherlock Holmes – Elementary). Sherlock hat hier eine wichtige Entdeckung gemacht. So wie der eigene Flatus für einen selbst irgendwann nicht mehr wahrnehmbar ist, so verlieren wir auch irgendwann den Überblick was unsere Konsumwelt anrichtet. Es ist so einfach sich an die schönen Dinge zu gewöhnen.

Wir reden oft von Nächstenliebe, aber wo fängt sie an? Wo ist sie zu finden? Die Antwort darauf ist ganz einfach. Sie fängt überall an. Du stehst morgens auf schlüpfst in deine H&M Kleidung und hinterfragst mit Sicherheit nicht wer diese Kleidung gefertigt hat und unter welchen Umständen. Meine Morgenroutine sieht immer gleich aus: geweckt werde ich vom Alarm im Darm, anschließend  Zähne putzen und Wasser trinken. Das sind die ersten drei Dinge mit denen in den Tag starte. Die Nächstenliebe hat eher weiter hinten einen Rang in meiner Tagesroutine.

Es gibt so viel Leid auf der Welt und wir westlichen Wohlstandsritter picken uns immer das Leid aus was uns grad als angenehm umsetzbar vorkommt bzw. welches wo wir einfach helfen können. Es fühlt sich gut an etwas Gutes zu tun oder? Es fühlt sich gut an dem Obdachlosen 2€ statt 20 Cent zu geben (*ich bin so ein guter Mensch, einmal über den Kopf streichel*). Aber es fühlt sich nicht gut an auf die geliebte Billig-Kleidung zu verzichten. Diese Nächstenliebe gehört zur Kategorie unangenehm und Opfer bringen. Ja, du wirst Opfer bringen müssen bei dieser Art von Nächstenliebe. Das Top kostet plötzlich 15€ statt 5€, die Hose plötzlich 90€ statt 40€. Wobei mir aufgefallen ist, dass die Preise mittlerweile genau so hoch/niedrig sind wie z.B. bei Zara oder COS und die Basics sind mittlerweile günstiger geworden.

Du hast – gemessen an den Standards der westlichen Wohlstandsritterwelt – nur ein kleines Einkommen. Ich mache dir Mut an dieser Stelle. Du wirst Mittel und Wege finden dir ab und zu mal auch fair gefertigte Kleidung zu kaufen oder noch besser, einfach mal auf das eine Shirt zu verzichten. Ja, es ist kein Geheimnis, dass faire Produkte nicht immer hundertprozentig fair sind. Das ist kein Geheimnis mehr. Du setzt damit dennoch ein Zeichen und das ist es worum es geht. Du willst keine ausbeuterischen Unternehmen unterstützten. Oder lautet dein Motto entweder der Mann der meine Kaffeebohnen erntet kriegt ein vollkommen faires Gehalt oder einen Hungerlohn? Ganz oder gar nicht passt auf so vieles im Leben, aber nicht an der Stelle wo es um das Überleben eines Menschen geht und jeder Cent zählt. Es geht nicht darum 100% perfekt zu sein und alles nur noch Bio und fair zu kaufen. Du machst das Stück für Stück und überall da wo es geht und du es dir leisten kannst. Jedes Kleidungsstück, Lebensmittel und jeder Verzicht zählt. Dann hast du halt nur drei Hosen statt sechs, interessiert keine Sau.
Du gehst bewusst einkaufen. Einkaufen mit Köpfchen. Zombies die mit ihrer Matschbirne planlos durch die Gegend wandern sind bei „The Walking Dead“ amüsant, aber nicht in der realen Welt. Die Zombies in dieser Serie sind unkaputtbar. Erst bei einem glatten Kopfdurchschuss hören sie auf Menschen zu fressen. Was muss bei uns im Gehrin passieren, damit wir es bewusst anmachen? Bang Boom Bang? Ne oder? Das überlassen wir lieber Quentin Tarantino und dem Kino.

Ich weiß, Nächstenliebe kann so out und langweilig sein. Hallo? Ich bin doch kein Öko und fang jetzt an fair Trade Kaffee zu trinken geschweige denn, ich als Fashion Victim auf meine heißgeliebten Modelabels wie COS, Other Stories, Weekday, Acne, Zara, H&M und Co. ab und zu mal zu verzichten. Das überlasse ich den Gutmenschen da draußen oder dem Trottel, der darüber schreibt. Wie sehe ich bitte aus, wenn ich demnächst mit Kleidung rumlaufe, die aussieht wie Kleidung meiner 8-jährigen Nichte?

Ich kann dich absolut verstehen. Es hat bei mir auch gedauert bis ich öfters mal nein sagen konnte zu COS und Co 🙁 Viele Fair Trade Unternehmen stellen Kleidung her, da frage ich mich ernsthaft ob 8-jährige in einen Raum voller Spielzeugeulen gesetzt wurden und nichts weiter mit diesen Eulen tun mussten als diese gegen die Wand zu klatschen. Dieses Spektakel diente dann als Inspiration für die Designs. Es ist mittlerweile schon viel passiert in diesem Bereich und Unternehmen wie z.B. JAN N‘ June haben mich absolut überzeugt von ihrem Design.

Es kann aber nur mehr passieren, wenn DU dahinterstehst. Angebot und Nachfrage (immerhin etwas vom
Studium hängengeblieben). Du hast kein Bock auf ausbeuterische Unternehmen und Tiermotiven auf Fair Trade Kleidung? Dann steh nicht da und mach einen auf Walking Dead. Das löst weder das Problem mit den ausbeuterischen Unternehmen, noch die hässlichen Designs. Du veränderst nichts. Höchstens bestätigst du deine Passivität.

Vielleicht hörst du auch zum ersten Mal über diese Art von Nächstenliebe und denkst dezent: langweilig, geht mich nichts an. Nächstes Thema bitte. Als Mitglied eines Generation Yers habe ich mir sagen lassen, das hedonistische Denken sei ein Teil von mir. Vergnügen, Lust und Fun stehen hier auf dem Tagesprogramm. Ich hab keine Ahnung was dir hilft Nächstenliebe schmackhaft zu machen. Vielleicht eine nackte Keule, die mit einem Fair Trade Shirt und ihren Hupen durch die Werbezeit hoppelt? Nein, lassen wir das sein, ganz miese Idee an dieser Stelle. Ich weiß nicht wie es dir geht und was deine Ziele fürs Leben sind, aber Nächstenliebe hat mir plötzlich Freiheiten in meinem Leben gegeben, die ich mit Vergnügen, Fun und Kreativität gleichsetzten kann. Ja, hin und wieder bringt man dafür Opfer, ABER der Part wo du etwas zurück kriegst übertrumpft das ganze. Du entdeckst eine neue Seite in dir. Auch die verzweifelte Flucht nach Berlin, weil es hier langweilig wird kann zur Gewohnheit werden und wieder suchst du nach etwas Neuem. Nächstenliebe wird nie langweilig. Du musst plötzlich kreativ werden und Wege finden, Alternativen finden dich anders zu kleiden bzw. deine Kleidung gekonnt zu kombinieren. Ich verspreche dir die Opfer die du zunächst bringst, kriegst du doppelt und dreifach zurück. Es lohnt sich also und für dich springt auch etwas dabei raus.

Glaub es mir, ich schaffe die Nächstenliebe auch nicht immer oder sie bleibt mal auf der Strecke, aber sie ist für mich ein erstrebenswertes Ziel in meinem Leben. Ich vergesse so oft wie reich ich doch eigentlich bin und deswegen auch etwas zurückgeben sollte.
Ich habe mir vor Monaten schon die Frage gestellt wo darf man denn noch einkaufen? Fast alles ist doch irgendwie unfair hergestellt oder mit Chemie vollgepumpt usw. Klar, rette ich morgen nicht die Welt, wenn ich zur Abwechslung mal faire Produkte kaufe und nicht immer bei H&M und Kollegen. Auch hinter dem Label Fair Trade steht oft der Gedanke Gewinn und nicht jeder Konzern hat damit positive Absichten. Die Welt wird immer nach mehr gieren, aber selbst wenn diese Gier bedeutet, dass ein Arbeiter besser bezahlt wird als üblich, dann nehme ich das in Kauf.

Ich habe für mich somit entschieden, das ein oder andere auch Fair Trade zu kaufen, wie z.B. Basic Shirts. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde ich betrete nie in meinem Leben Läden wie COS oder H&M. Aber ich habe meinen Konsum in diesen Läden so drastisch reduziert, dass es nicht mit dem Früheren verglichen werden kann. Und ich fühle mich sogar besser als damals, wo ich im Besitz all der Sachen war, bei denen ich der Meinung war sie unbedingt besitzen zu müssen. Mein letzter Kauf bei COS und H&M ist ewig her und ich habe nicht das Gefühl etwas verpasst zu haben.

Ich glaube, nein ich weiß es: diese Art von Nächstenliebe, die sich hinter Kleidung, Lebensmitteln – sprich Konsum versteckt – wird übersehen. Wir reden so oft von armen Menschen während wir Kleidung tragen, die genau von diesen bettelarmen Menschen hergestellt wurde. Es ist schon irgendwie verrückt, dass wir dann genau in diese Länder Spenden schicken…aus Mitleid. Es sind nicht nur die Manager die Bösen, die sich das Geld in die Tasche stopfen. Wir wollen schließlich auch günstige Kleidung und Lebensmittel, da geht es nun mal oft nicht anders als die Arbeiter so schlecht zu bezahlen.

Falls ich falsch liege, dann bring mir nahe wo Nächstenliebe anfängt. Erst bei Menschen die gut zu dir sind oder da wo du es dir einfach aussuchen kannst? Erst bei Menschen wo das Leid sichtbar ist? Da wo du nicht aus deiner Komfortzone springen musst? Du musst nicht erst soziale Arbeit studieren oder Krankenschwester sein, um anderen zu helfen. Schau einfach nach links und rechts, schau auf dich herunter. Was hast du an? Was isst du? Wo wird das alles hergestellt? Mussten andere Opfer für mich bringen? Vielleicht kann ich bewusst etwas zurück geben und auch ab und zu mal ein Opfer bringen. Hinterfrage dich und die Welt. Hinterfrage was du tust. Hinterfrage deine Motive, aber Hinterfrage niemals die Nächstenliebe.

In diesem Sinne, I Love you guys 🙂

 

Quellen

Thanks for the Zombie Designed by Freepik

Thanks for the Heart Designed by Freepik

Kommentare (4)

  1. We love you, too :-*

    Toller Artikel!

  2. Janina

    Wirklich toller Artikel. Ich lebe seit mehr als einem halben Jahr vegan und seitdem beschäftige ich mich im Rahmen meiner Masterarbeit mit dem Thema „Abweichendes Kaufverhalten bei nachhaltig und fair produzierter Mode“ und es ist wirklich erschreckend, wie bewusst wir uns eigentlich über die Produktionsbedingungen der Kleidung sind und nichts dagegen machen. Unsere eigenen Bedürfnisse stellen wir immer wieder über die der NäherInnen in den Billiglohnländern. Und wir konsumieren immer mehr und mehr, um unsere innere Leere mit etwas zu füllen und kurzfristig glücklich zu sein.
    Falls du die Dokumentation „The true cost“ noch nicht gesehen hast, dann kann ich dir die wärmstens ans Herz legen!

    • Hi Janina,
      vielen Dank. Das ist genau so wie du es beschreibst. Wir sind uns dessen bewusst und machen nichts 🙁 Das hast du sehr gut ausgedrückt.
      Die Dokumentation ist sehr gut, kurz und knackig. Ich habe sie auch in der Rubrik „Fashion“ bei mir drinnen, aber die geht das etwas unter. Muss ich noch mehr ins Rapenlicht stellen 🙂

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