Warum Veganer andere bekehren wollen und nerven

Warum Veganer andere bekehren wollen und nerven

„People like to hear good news about their bad habits“ (McDougall). Eine unwissende Person mit dem Wörtchen vegan zu konfrontieren ist für die Person zunächst alles andere als Good News.

Wenn du dich mit einer nicht vegan lebenden Person über das Thema „vegan“ unterhältst, dann erinnerst du sie an ihre Bad Habits. Denn hinter dem Wörtchen „vegan“ verbergen sich indirekt Hinweise wie Mord, Habgier, Luxus, Welthunger, Umweltzerstörung usw. Da stößt es jedem bitter auf.

Menschen wollen keinen Rat bekommen, vor allem nicht, wenn er sie daran erinnert was sie bis jetzt ihr ganzes Leben lang falsch gemacht haben.

 

Warum Veganer andere bekehren wollen

Jeder Mensch ist gerne im Recht. Vor allem, wenn er eine neue Information hat, die die Welt verändert und er sich damit brüsten kann. Selbstverständlich war mir diese Intention in mir nicht auf Anhieb bewusst, aber wenn es um neu erlangtes Wissen geht, steckt in jedem von uns ein fast unkontrollierbarer Trieb dieses zu teilen. Man kann sich damit brüsten und steht mit der veganen Message als ein besserer Gutmensch da. Zu Beginn meiner veganen Karriere hätte ich am liebsten JEDEM davon erzählt, warum es Sinn macht vegan zu werden. Enttäuschend musste ich feststellen, dass dies niemand hören wollte und ich wusste nicht warum.

 

Die Erkenntnis

Vor nicht allzu langer Zeit kam mir folgender Gedanke: Stell dir vor, du versuchst jeden Menschen zum christlichen Glauben zu bekehren. Du erzählst der Person, dass Jesus für seine Sünden gestorben ist und der einzige Weg nicht in die Hölle zu gelangen ist sich zu Jesus zu bekehren. Wenn du das nicht tust, dann landest du schnurstracks nach dem Tod in die heiße Lavapampe, und zwar in die Hölle. Richtig, du denkst dir grad was ist das für eine verrückte Botschaft. Ich bin Christin und weiß, dass diese Art von Überzeugung eher in die Hose geht. So ähnlich ist es mit dem Veganismus. Sobald man Menschen mit der unverpackten, nackten Warheit begegnet, stößt man meistens auf Widerstand.

Sich für ein veganes Leben zu entscheiden krempelt das eigene Leben zunächst einmal völlig um. Menschen sind von Massenintegration geprägt. Sich für ein veganes Leben zu entscheiden ist zwar in vielen Aspekten bereichernd, kann zunächst jedoch zu einsamen Momenten führen.
Dumme Witze und langweilige Sprüche werden zum täglich Brot eines Veganers. Auf der einen Seite fordert es Mut, Geduld und Stärke, auf der anderen Seite triffst man gleichzeitig auf Ausgrenzung, Ablehnung, Gelächter und soziale Konflikte. All das spricht zunächst gegen unsere innere Natur. Das sind sich Lieschen Müller und Peter Pan durchaus bewusst. Der geringste Weg des Widerstands gewinnt in 99 % der Fälle. Bei einem Gespräch mit dem Thema vegan werden Liesschen und Peter aus der Komfortzone geworfen. Da ist es verständlich, wenn nicht jeder „Hurra“ schreit, wenn er auf die vegane Botschaft stößt. Es nervt!

Falls sich ein Veganer an dieser Stelle folgendes fragt: die Erde kann es sich nicht mehr leisten tierische Produkte zu konsumieren. Wir brauchen jeden neuen Veganer. Das ist richtig, aber ich bezweifle, dass wir mit der Peitsche langfristige und zufriedene Veganer heranzüchten. Ausnahmen gibt es selbstverständlich immer.

Die gute Nachricht braucht Zeit, Liebe und Geduld. Ich bin kein Fan von der „wir haben uns alle lieb Mentalität“ und man darf bloß nichts sagen, um andere zu Nahe zu treten. Aber manchmal ist es weiser sich zurückzuhalten. Darin übe ich mich bis heute noch. Ich kann vorleben, inspirieren und Fragen beantworten. Damit sähe ich den Samen, die Frucht jedoch zum Wachsen bringen kann ich nicht. Tue Gutes, aber zwinge andere nicht dazu es dir gleich zu tun.

 

Veganer grasen auch

Eine Veganerin fragte mich mal, ob ich noch mit Fleischfressern abhänge. Nein, ich sitze nur noch mit Kühen auf der Wiese und grase. 99 % der Menschen in meinem Leben sind nicht vegan. Folgende Analogie mag für manche völlig übertrieben erscheinen, aber sie hilft mir den Fokus nicht zu verlieren und meinem Gegenüber freundlich zu begegnen. Würde Jesus nur mit Christen abhängen? Niemals. Jesus war dafür bekannt genau mit der entgegengesetzten Gruppe von Mensch abzuhängen…aus Liebe. Was bringt es als Veganer ein Herz für Tiere zu haben, aber keins für ihre Mitmenschen? So drehen wir uns nur im Kreis.

P.S.: Trotz der Erkenntnis gibt es Momente, da bin ich kurz vorm Explodieren. Bringt jedoch nichts, stattdessen implodiere ich und übe Geduld mit meinem Gegenüber und Nächstenliebe. Um mich vom implodieren zu erholen suche ich mir eine Wiese wo ich in Ruhe grasen kann.

 

Kommentare (4)

  1. Ich stimme dir voll und ganz zu, sehr schön geschrieben. Kleiner Hinweis: McDougall sagt „People don´t…“, du hast ausversehen das don´t vergessen, so gibt es natürlich einen anderen Sinn;)
    Liebe Grüsse,
    Krisi

    • Danke liebe Krisi 🙂
      Der Sinn im Text ohne das don’t ist schon so richtig gemeint, auch wenn er im ersten Moment falsch rüberkommt 😉 Genau so sagt es McDougall immmer. Der Sinn ist nämlich folgender: Menschen hören gerne gute Nachrichten über ihre schlechten Gewohnheiten. Beispielsweise, wenn eine Studie besagt wie entspannend Rauchen sei. So freuen sich alle Raucher, obwohl jeder Raucher eigentlich weiß, dass Rauchen total ungesund ist. Oder: Schokolade ist total gesund. So rechtfertigen manche ihre tägliche Tafel Schokolade 😉
      Liebe Grüße
      Ju

  2. Liebe Ju, was du geschrieben hast, hilft mir wirklich sehr… Ich bin schon in einigen Streits gelandet, weil eine friedliche Diskussion ausartete 🙂 Ich kenne das Gefühl, fast zu explodieren und gerade, wenn ich mir nahestehende Menschen tierische Produkte essen und dann im gleichen Atemzug sagen, wie schrecklich es wäre , einen Hund ausversehen zu überfahren ( das war gestern gerade so ), dann halte ich es manchmal einfach nicht mehr aus….
    Aber dein Vergleich mit dem Glauben finde ich sehr passend und das hilft mir, auch beim Thema des Veganismus nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, denn das bringt bei beiden Sachen nichts 🙂

    Eine Frage habe ich :
    Tötest du eigentlich absichtlich Ameisen, Mücken, Spinnen , Fliegen ? Ich bin da irgendwie in einem Gewissenskonflikt, denn für mich sind es keine richtigen Tiere sondern eher Insekten und ich habe kein Mitgefühl mit ihnen und sie haben auch nicht wie höher entwickelte Tiere wie Hunde, Kühe, Hasen, Schweine Beziéhungen zu anderen Tieren usw… Aber eigentlich widerspricht das meiner Überzeugung, mit der ich immer argumentiere, dass nur weil Menschen reden können, intelligent und höher entwickelt sind, wir nicht das Recht haben, zu behaupten, wir dürften nierigere Lebewesen umbringen….

    • Liebe Kate,
      freut mich sehr, wenn es dir hilft 🙂
      Das mit dem Haustiergetue kenne ich nur zu gut. Weil ich es besser verstehen möchte, wollte ich demnächst das Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ mal lesen. Viele unserer Handlungen sind ja durch Kultur, Massenphänomenen etc. geprägt 🙁
      Zur Insektenfrage:
      Ich töte keine Insekten absichtlich. Beim Rennradfahren qlatscht mir schon mal die ein oder andere Fliege gegen die Brille, aber das ist dann keine Absicht von mir 😉 Ich verstehe deinen Gewissenskonflikt. Vor dem stand ich auch. Ich glaube den haben viele. Ich finde in diesem Artikel http://www.vegan.eu/index.php/meldung-komplett/items/insekten_vegan.html ist das Thema zu den Insekten gut rübergebracht.
      Ganz liebe Grüße
      Ju

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