Im Schlafzimmer meiner Eltern befand sich ein wunderschöner Gelsenkirchener Barock Kleiderschrank, mit einem integrierten Ganzkörperspiegel. Als Kind schaute ich dort häufiger hinein, um Grimassen zu schneiden. An einem Tag war es anders. Nach ein paar Minuten der Grimassenschneiderei, schaute ich eindringlicher in den Spiegel und fing an meine menschliche Existenz zu hinterfragen. Wer bin ich? Warum bin ich auf der Welt? Warum sind meine Eltern meine Eltern? Zu diesem Zeitpunkt war ich fünf Jahre alt. Es war auch die Zeit, in der ich merkte, dass ich anders bin als das Durchschnittskind. Das merkte auch meine Mutter schon früh, aber das erzählte sie mir erst als ich erwachsen war.

Ich fiel mit meinem Verhalten nicht auf, weil ich eine Meisterin der Anpassung war. Ich war wie ein Chamäleon. Je nachdem in welchen sozialen Kreisen ich mich aufhielt, konnte ich mich spielend leicht anpassen.

Ich kam mir manchmal vor wie ein alter Geist im jungen Körper. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch der Greis-Magnet. Entschuldige die Ausdrucksweise, ich fand das Wort so witzig und wollte es nur aus diesem Grund benutzen 😉.

Desto älter ich wurde, desto mehr kam in mir das Gefühl auf, nicht wirklich in die Gesellschaft zu passen. Wir sind alle anders und individuell magst du jetzt denken, aber ich meine damit wirklich anders und das haben mir andere immer wieder gesagt.

Ich kann mir vorstellen, dass es dem ein oder anderen Leser ähnlich geht.

 

Soziale Kreise

Weißt du wo ich mich häufig fremd fühle? In der Kirche! Ich bin gläubig groß geworden und liebte es als Kind in die Kirche zu gehen. Doch desto älter ich wurde, desto fremder fühlte ich mich dort. Nicht fremd vor Gott, aber fremd vor den Menschen. Ich habe noch nirgendwo so ein stumpfes Stereotypen-Bild erfahren, wie ein „guter“ Mensch zu sein hat, wie dort. Desto älter man wird, desto mehr kristallisiert sich die eigene Persönlichkeit heraus. Und wenn man nicht ins Raster passt, wird versucht, einen passend zu machen. Selbstverständlich habe ich dort auch sehr nette Menschen kennengelernt, aber das Gefühl nicht dazuzugehören wurde mir fast nirgendwo mehr gespiegelt als dort.

 

Familie

Familie kann das Gefühl fremd zu sein toppen, nicht wahr? Das ist sicherlich kein einzigartiges Phänomen meinerseits.

In der Familie sitze ich manchmal einfach nur da, wie ein totes Opossum. Zumindest kommt es so für meine Familie so rüber. Das ist keine Absicht und nervt mich selber, aber es ist eine Art Rückzugshaltung, weil ich so, wie ich denke und bin, oft nicht sein kann und dann lieber gar nichts bin in dem Moment. Die Geburtsstunde des Opossum-Syndroms #introvertproblems.

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In anderen sozialen Kreisen

In kleineren Kreisen, in denen ich mich wohlfühle und sein kann, rede ich wie ein Wasserfall drauf los. Nicht zu stoppen, deswegen wundern sich meine ganz nahen Menschen, dass ich in unterschiedlichen Gruppen total anders bin. Ich bin zwar introvertiert, aber die extrovertierteste von allen introvertierten Persönlichkeitstypen, weswegen ich manchmal als extrovertierte Person je nach sozialem Kreis, verwechselt werde.

 

Der Mensch, das Rudeltier

Menschen sind soziale Wesen. Egal wer wir sind, ob intro- oder extrovertiert, wünschen wir uns Menschen um uns zu haben, wenngleich über deren Anzahl die beiden Gruppen sich nicht einig sind. Es sei denn du bist Soziopath.

Ohne den anderen konnten Menschen nicht lange überleben. Sie verbrachten ihr Leben immer in kleineren Gruppen von 50 bis 150 Personen. Dieser Verbund war sehr eng. Das ist unter anderem ein Grund, weshalb wir so starken Wert auf die Meinung anderer legen und versuchen zu gefallen. Ohne diese Komponenten hätten wir nicht überleben können. Das ist eine zweckdienliche Eigenschaft, aber lässt uns häufig in die Irre führen und man hört nicht immer auf das eigene Herz.

 

Alleinsein vs. Einsam sein

Mein Persönlichkeitstyp lebt die größte Zeit in seinen Gedanken. Mehr als andere Persönlichkeitstypen. Das erklärt, weshalb ich ein Phantast durch und durch bin, und das wiederum meinen Idealismus.

Als introvertierter Typ bin ich gerne allein und lade dabei meine Batterie auf. Extrovertierte laden ihre wiederum unter Menschen auf. Ich bin Meister der Beobachtung und spüre sofort, wer mit wem kann und wer nicht. Ich sauge meine Umwelt regelrecht, wie ein Schwamm, auf. Mein hohes Maß an Empathie spürt jede Schwingung auf (das müsste ich genauso mal in einer Bewerbung angeben). Was für andere nach außen hin wie ein totes Opossum erscheinen mag, ist in Wirklichkeit eine hochkomplexe, sich abspielende Matrix, auf meiner Festplatte. Das wirkt wiederum nach „Please do not disturb“, für meine Mitmenschen. Deswegen höre ich häufiger ich sei mystisch oder arrogant. Das ist keineswegs meine Absicht in diesem Moment. In Wahrheit bin ich als Idealist sehr Menschen liebend, nur aufgrund meiner Introversion und des Schwammmodus eben nicht die Partyrakete. Zwei Personen kann ich gut handeln, darüber hinaus wird es happelig und in diesen Moment kommen empathische Extrovertierte (im Idealzustand) und wecken mich aus der Matrix.

In unserer Kultur – anders als in asiatischen – gehört still sein zum schlechten Ton. Das ist Perle vor die Säue, weil Unternehmen und überhaupt, der ganzen Gesellschaft dadurch die Schätze von stillen Menschen entgehen. In unserer Gesellschaft – mein Empfinden nach – müssen sich introvertierte Menschen vielmehr den extrovertierten Gegebenheiten anpassen, ihrer Natur zum Widerwillen. Großraumbüro. Teamarbeit. Desto lauter, desto kompetenter (nicht). Die Türen im Büro müssen immer für alle offen und durchgängig sein. You name it! Die Folge: Intros brennen aus.

Alleinsein wird aus meiner Sich häufig noch mit dem Looser-Status gleichgestellt. Es gibt jedoch einen feinen Unterschied, ob man allein oder eben einsam ist. Das ist nicht das Gleiche. Jeder Mensch braucht liebende Menschen und verbündete um sich, aber die Anzahl bestimmt nicht deren Intensität oder Qualität.

 

Persönlichkeitstest: Das Ergebnis

Ich las ein Buch zum Thema Arbeit und dort wurde empfohlen einen Persönlichkeitstest zu machen, wie z. B. MBTI (Myers-Briggs-Typenindikator). Dieser Test baut auf Carl Gustav Jungs „Psychologische Typen“ auf, welche Von der Mutter und Tochter (Meyers und Briggs) in einen Typen Indikator umgesetzt wurden. Der genaue Aufbau ist hier erklärt. Ich hielt bis dahin nicht viel von solchen Tests, da sie mich mehr an die Tests aus den Zeitschriften der 2000er erinnerten. Als ich jedoch diesen Test beendete, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das erklärte endlich, weshalb ich oft das Gefühl habe, „anders“ als der Durchschnitt zu sein. Ich wiederholte diesen Test nach ein paar Wochen und Monaten. Das Ergebnis war unverändert. Zum ersten Mal im Leben fühlte ich mich verstanden. Nichts hat mich besser beschrieben als dieser popelige 12 Minuten Test.

Die Wahrscheinlichkeit für mich meinen Persönlichkeitstypen in meinem Umfeld anzutreffen ist verschwindend gering bis statistisch unwahrscheinlich (Internet ausgeschlossen). Das ist ein Grund, weshalb ich mich im Internet zu Hause fühle. Hier trifft man auf seinesgleichen.

 

Unterschiedliche Persönlichkeitstests

Es gibt insgesamt 16 Persönlichkeitstypen (davon 8 introvertiert und 8 extrovertiert) in dem MBTI. Der Test spiegelt nur einen Teil wider, wer wir sind und hat nicht den Anspruch uns bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Es gibt noch andere Persönlichkeitstest, die sich unterscheiden.

Der MBTI ist der vom Mainstream an häufigsten genutzte. Das liegt unter anderem in der klaren Trennung der Persönlichkeiten, sowie dem Fokus auf den positiven Eigenschaften, also der Good Cop unter den Tests. Klar, wer hört nicht gerne lieber die positiven Eigenschaften der eigenen Persönlichkeit? Er wird häufig von Coaches verwendet.

Funfact: Martin Luther King und Adolf Hitler entstammen dem gleichen Persönlichkeitstypen. Das zeigt musterhaft, wie man eine positive Eigenschaft, in diesem Fall dem Idealismus, zu einem komplett unterschiedlichen Zweck einsetzen kann.

MBTI – 16 Persönlichkeitstypen

Myers Briggs Typenindikator

Der Big 5 hingegen ist der am meist erforschte und wissenschaftlichste von allen. Dieser findet den meisten Zuspruch in der Psychologie und der Wissenschaft. Bei den Massen ist dieser eher unbeliebt, aufgrund der teils negativen Beschreibung der Persönlichkeit, also der Bad Cop unter den Tests. Wenn man jedoch das Prinzip hinter diesen Test verstanden hat und seine Intention, gibt es hier keine Trennung, welche Eigenschaften besser oder schlechter sind. Er beschreibt lediglich den Ist-Zustand der Eigenschaften in neutraler Manier.

Meine persönliche Meinung: Der MBTI setzt auf klar getrennte Typen (eher Stereo-Typen) und der Big 5 auf flexible Typen, in einer Art Skala-Format. Auch wenn sie sich in ihrem Konzept unterscheiden, stimmen sie zu großen Teilen überein.

Der MBTI ist ein wunderbarer und seichter Einstieg in die Welt der Persönlichkeiten. Wenngleich er wissenschaftlich umstritten ist, gibt er meines Erachtens eine einfache und grobe Einschätzung von unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Test eignet sich z. B. bei der Suche nach dem passenden Beruf. Ein hilfreiches Buch hierzu: Do What You Are: Discover the Perfect Career for You Through the Secrets of Personality Type*.

Um jedoch in die Tiefe zu gehen und einen psychologischen Rat zu geben, ist der Big 5 die unangefochtene Nummer eins. Zu diesem folgt demnächst ein separater Artikel.

 

Es gibt keinen Platz für dich auf der Welt

Ich bin in den obigen Zeilen persönlich geworden, weil ich glaube, es eine Verbundenheit schafft. Ich will dir das Gefühl geben, dass du komisch bist (wer ist das nicht?) und die Gedanken, die ich oben habe, sicherlich auch viele anderen haben. Es gibt jedoch bestimmte Persönlichkeitstypen, von denen es mehr auf der Welt gibt und deren Art dominiert. Das wiederum grenzt Minderheiten gesellschaftlich aus. Beispielsweise ist es in der westlichen Kultur en vogue laut zu sein. Die Stärke der Stillen wird in dieser Kultur häufig übersehen.

Die gute und schlechte Nachricht: die Persönlichkeit ist in deiner DNA festgelegt und kann nicht verändert werden. Aber man kann sie bis zu einem gewissen Grad steuern. Ich kann mir Mühe geben nicht wie ein arrogantes, mystisches oder totes Opossum, in großen Menschenansammlungen, zu wirken. Wenn man weiß, wie man tickt, kann man besser für seine Bedürfnisse einstehen, sich nicht verbiegen zu lassen, aber ich beispielsweise kann auch mal aus mir herauskommen und mehr von mir teilen (Schwierigkeiten es persönlich zu kommunizieren, aber es den mit dem World Wide Web teilen😉).

Insgesamt haben mir Persönlichkeitstest verholfen zu verstehen, dass es keinen Platz für dich in der Welt gibt. Du musst dir den Platz selber schaffen. Da wartet keiner auf dich, um dir den roten Teppich aufzurollen. Wenn du deine Persönlichkeit verstehst, kannst du besser in der Gesellschaft deinen Platz finden. Es gibt mindestens einen Vogel, der dir ähnlich ist. Und noch nie in der Geschichte war es so einfach Gleichgesinnte zu finden. World Wide Web sei Dank.

Welcher Persönlichkeitstyp bist du? Finde heraus, welche berühmte Persönlichkeit hinter deinem Persönlichkeitstyp steckt. Hier geht’s zum kostenlosen Test.

 

Bildquelle: dribbble

 

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Satt sein ohne Portionskontrolle, will das nicht jeder? Das war bis vor ein paar Jahren unmöglich für mich ohne zuzunehmen. Anfang 2014 entdeckte ich die pflanzliche Ernährung. Ich wurde über Nacht satt, war meinen Heißhunger los und Jojo-Diäten gehörten der Vergangenheit an.

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